Ostersteine

Guten Morgen.

 

Zum Glück habe ich sie noch.

Die kleine Kiste mit den Steinen vom Rheinufer.

In diesen Wochen von Homeoffice und Kontaktverbot

fällt mir beim Aufräumen mancher Schatz in die Hand –

wie diese Kiste.

Ich mache sie auf und erinnere mich.

Am Rhein langlaufen.

Hören wie die Lastschiffe leise dem Sonnenuntergang entgegentuckern.

Hunde bellen in der Ferne.

Möwen fliegen kreischend ganz nah über die Wasseroberfläche.

Einfach abschalten. Auftanken.

Unter den Fußsohlen die Kieselsteine spüren.

Die gibt es reichlich hier am Rhein.

Schwarz, grau, braun, beige, fast weiß – mit Muster oder ohne. Matt und glänzend.

Wenn ich am Kieselstrand Steine suche, brauche ich keinen Ratgeber für Achtsamkeitsübungen.

Ich gehe ganz darin auf, die verschiedenen Steine zu bewundern.

Wenn die Wellen des Flusses über den Strandsaum gehen, erzählen die Steine was.

Ihr leises Klickern in den Wellen ist ihre Sprache.

Glatte, flache Steine nehme ich manchmal mit und bemale sie.

Mit bunten Mustern. Einem Engel. Oder einem Krafttier.

Manchmal verschenke ich einen Stein aber auch „pur“, einfach weil er so schön ist.

Wie mir geht es vielen. In den sozialen Netzwerken gibt es „Steingruppen“.

Da tauschen sich Leute aus, wie man Steine bemalen kann.

Manche wie die Gruppe „ElbStones“ schreiben auch etwas darauf.

Zum Beispiel einen Hashtag – ein Schlagwort, unter dem man einen Inhalt in den sozialen Medien findet.

Und sie setzen den Stein dann wieder aus.

Am Flussufer. An der Bushaltestelle. Im Krankenhaus.

Wer den Stein findet, kann ihn behalten, verschenken oder wieder neu aussetzen.

Manche posten ihren Steine-Fund auf Facebook und Co. unter dem Hashtag, der auf dem Stein steht.

Zwei Pfarrerinnen der Nordkirche hatten die Idee, eine solche Steinaktion zu Ostern ins Leben zu rufen.

Denn an Ostern steht ein besonderer Stein im Mittelpunkt.

Ein Stein, der schwer auf der Seele lastet.

Einer wie das Virus, das uns jetzt in Angst versetzt: mit Krankheit und Tod, Hamsterkäufen, Kontaktverbot,

Grenzschließungen, Bedrohung der beruflichen Existenz.

Der Stein, von dem Ostern die Rede ist, hat das Grab Jesu verschlossen.

Und ist am Ostermorgen vom Grab weggerollt. Das Grab ist leer.

Gott hat Jesus auferweckt aus dem Tod. Die Botschaft: „Liebe ist stärker als der Tod.“

Und so hatten die Pfarrerinnen der Nordkirche eigentlich dazu aufgerufen,

an Ostern in den Kirchen solche bemalte Steine zu verschenken.

Das geht jetzt nicht, weil wir uns nicht in den Kirchen versammeln dürfen.

Aber man kann trotzdem kleine Ostersteinbotschaften setzen.

Man kann die Steine zu Hause bemalen und aussetzen.

Im Park, an der Bushaltestelle, auf der Mauer im Vorgarten.

Vorne drauf sieht man, was die Malerin oder der Maler versteht unter „Liebe ist stärker als der Tod“.

Eine Blume, das Wort Liebe, ein Kreuz, hinter dem Sonne hervorleuchtet.

Hinten drauf steht der Hashtag #stärkeralsdertod.

Wenn man den eingibt im Internet können die Finder dann schreiben,

wo sie den Stein gefunden haben und was er für sie bedeutet.

Die Facebook-Gruppe dazu heißt Ostersteine. Eine schöne Aktion, nicht nur an Ostern.

Ich habe Spaß daran, eine kleine Hoffnungsbotschaft auf Steine zu malen oder zu schreiben und zu verteilen.

Ein solcher Stein, wenn er gefunden wird, kann eine Zeit mitwandern –

in der Hand oder in der Hosentasche, im Auto, auf der Fensterbank oder auf dem Schreibtisch.

Bis er wieder ausgesetzt wird. Und für andere neu zur Botschaft wird.

Ich wünsche Ihnen viel Phantasie – erkennen Sie die Zeichen und setzen Sie selbst Hoffnung in die Welt.

Es grüßt Sie zu Beginn der Karwoche, auf dem Weg aus dem leidvollen Dunkel der Welt zum Licht von Ostern.

Liebe ist stärker als der Tod.

 

Dieser Beitrag erschien am 06.04.2020 bei Kirche im WDR. Autorin: Petra Schulze

Foto: www.pixabay.com

Geschrieben von Christiane Reiferscheid am 07. April 2020

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